«Auf Amerika»: Über das Verschwinden eines Dorfes
Von Thomas Borchert, dpa
Bernd Schroeder (Archivbild) dem Dorf seiner Kindheit ein Denkmal gesetzt. Foto: Jan Woitas
Ziemlich zornig ist der Ich-Erzähler auf den Vater seiner Kindheit, einen windigen Laberkopf und alten Nazi, der sich nach dem Krieg mit faulen Ausreden durchlavierte. Und doch am Ende den Respekt des Sohnes gewinnt, weil er im Alter aufrecht und ehrlich engagiert gegen die Zerstörung des Dorfes durch den Ausbau des Münchner Flughafens kämpft.
Wehmütig, aber ohne falsche Verklärung beschreibt Schroeder, geboren als Sohn einer Flüchtlingsfamilie 1944, das Zusammenleben verschiedener dörflicher Ur-Typen in einer eng begrenzten Welt, aus der er als Junge so gern entfliehen wollte. Zwischenzeitlich «auf Amerika», so der Dorf-Slang, ist der eigenbrötlerische Knecht Veit, der beste Freund des Ich-Erzählers. Hat er bei der Reise über den Atlantik wirklich eine gewaltige Erbschaft gemacht und bei der Rückkehr nach Hausen irgendwo versteckt?
Niemand wird es erfahren, bis Veit 1983 stirbt. Abgesehen vom Ich-Erzähler, der das große Geheimnis seines besten Freundes schon immer kannte und immer bewahrt hat. Hier ist viel Melancholie, aber keine Verklärung. Der katholische Dorfpfarrer war zwischenzeitlich im Konzentrationslager Dachau verschwunden, weil ihn der Dorflehrer Lechner für Kanzelworte gegen die Nazis verpfiffen hat.
Seinen Reiz bezieht das Buch vor allem aus der Erzählperspektive «Kindermund tut Wahrheit kund« in reflektierter Erwachsenensprache bei der Schilderung von Dorftypen und ihrer, wie man heute sagt, gegenseitigen Vernetzung.
Was autobiografisch ist und was für den «Roman» erfunden, erfährt der Leser nicht. Aber egal. Wer selbst in einem Dorf aufgewachsen ist, noch Verstecken in Obstgärten spielen konnte und den Vater samstagnachmittags nach dem Wirtshausbesuch seltsam gut gelaunt erlebt hat, ist hier richtig.
Bernd Schroeder, Auf Amerika, Roman, 176 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 978-3-446-23885-5
