Rezensionen
15.05.2012

Indien-Bücher für Kinder

Von Elke Vogel, dpa

Marie-Therese Schins erzählt die Geschichte der Kinder Neena und Akhil aus Indien. Foto: Uwe Zucchi

Stuttgart (dpa) - Neena würde gerne Muscheltaucherin werden. Wie ihr Papa. Doch Neena ist ein Mädchen und deshalb soll sie möglichst bald heiraten und sich alle Berufswünsche aus dem Kopf schlagen.

Über Kinder aus dem heutigen ländlichen Indien schreibt die niederländische Autorin Marie-Thérèse Schins («In Afrika war ich nie allein») in ihrem neuen Roman «Akhil Kakerlake und Neena Stinkefisch».

Schins erzählt so atmosphärisch dicht und lebendig, dass man sich sofort in den Alltag der elfjährigen Neena und ihrer Familie hineinversetzt fühlt. Das Leben auf dem Land ist hart, das Geld reicht vorne und hinten nicht. Doch die quirlige Neena kann das Leben auch genießen - ganz intensiv nimmt sie die Farben und Gerüche am Meer wahr.

Auch der elfjährige Akhil lebt in einem Dorf. Er möchte Lehrer werden. Seine Eltern erwarten dagegen, dass er später wie der Vater als Kokosnusspflücker arbeitet. Lernen und zur Schule gehen ist dafür nicht so wichtig. Kapitelweise wechseln sich die Kinder in ihren Schilderungen ab. Die weit entfernte Stadt wird schließlich der Ort sein, an dem sie sich eines Tages treffen und ihren Träumen ein Stück näher kommen.

Schins weiß, wovon sie schreibt. Immer wieder reiste sie nach Indien, sie engagiert sich dort für benachteiligte Kinder. So wirken auch die vielen kleinen Details und Erklärungen zu Religion und Gesellschaftsstrukturen des Landes nie belehrend.

Anders als Schins war die mittlerweile 88-jährige US-Amerikanerin Gloria Whelan nie selbst in Indien. Dennoch liest sich ihr in der britischen Kolonialzeit spielender, gut recherchierter Roman «Die kleinen Revolten der Rosy James» sehr realistisch und packend. Rosy ist Tochter eines britischen Militärs, und sie langweilt sich im großen, herrschaftlichen Haus der Eltern schrecklich. Die Freundinnen der Mutter bezeichnen die 15-jährige Rosy als «besonders» oder «außergewöhnlich» - was sich nichts anderes heißt als unpassend unangepasst.

Rosy hat kein Interesse daran, mit gleichaltrigen Teenagern im Pool des britischen Clubs zu planschen, über die neueste Mode zu quatschen und junge Offiziere anzuhimmeln. Viel lieber und verbotenerweise schlendert sie mit ihrer indischen Freundin Isha über den Basar. Als sie ein junger Brite zu einer Kundgebung des Freiheitskämpfers Gandhi mitnimmt, reißt Rosys Vater endgültig der Geduldsfaden. Seine Tochter soll zurück nach England geschickt werden.

In Whelans Erzählung prallen zwei Welten aufeinander. Rosy und ihre Mutter verbringen die Tage in ihren wegen der großen Hitze abgedunkelten Räumen, mit Ventilatoren und immer gut versorgt mit gekühlten Getränken. Draußen in der Stadt leben die Menschen in Hütten unter erbärmlichsten Umständen.

So leidenschaftlich wie die Inder an die Freiheit ihres Landes und die Loslösung von Großbritannien glauben, so vehement kämpft auch Rosy um ihre Freiheit - denn ihre behütete Kindheit kann doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass am Anfang des vergangenen Jahrhunderts für Mädchen der Kampf um Selbstbestimmung gerade erst begonnen hat. Ein lesenswerter Einblick in eine vergangene Epoche.



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    Quelle: Deutsche Bank / Realtime Indikation