Rolf Hosfeld spürt Tucholskys Leben nach
Von Ruppert Mayr, dpa
Es sind erstaunlich wenige Biografien über Kurt Tucholsky auf dem Markt - jetzt kommt eine neue dazu. Foto: dpa
Mit dieser Grundeinstellung zog auch er sich in der Weimarer Republik der 1920er Jahre die Beschimpfung der Kommunisten als lebensferner Intellektueller zu. Max Weber sprach von «einer ins Leere laufenden Romantik des intellektuell Interessanten ohne alles sachliche Verantwortungsgefühl». Tucholsky hielt dem entgegen: «Ich will keine Reiche gründen, ich halte mich von Dingen fern, denen ich nicht gewachsen bin.»
Rolf Hosfeld erläutert in seiner neuen Tucholsky-Biografie, dieser «wollte sich nicht in die Politik, sondern in die öffentliche politische Debatte einmischen, und das ist ein fundamentaler Unterschied». Einmischen will er sich aber schon früh. Bereits mit 23 Jahren wird er Mitarbeiter der «Schaubühne» und der Zeitschrift «Simplicissimus». Er studiert Jura und promoviert 1915. Noch im selben Jahr wird er zum Militär eingezogen - ins Baltikum. 1918 wird er nach Rumänien versetzt.
Im Juli 1914, einen Monat vor Kriegsausbruch, tritt er aus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin aus. Vier Jahre später lässt er sich evangelisch taufen. Tucholsky selbst sei nicht mit Antisemitismus konfrontiert gewesen. Aber, schreibt Hosfeld, seit der Taufe «steht einer Beförderung zum Vizefeldwebel und Feldpolizeikommissar ... nichts mehr im Wege». Das ist bemerkenswert für einen Mann, dessen Zitat «Soldaten sind Mörder» noch in den 70er Jahren von Kriegsdienstverweigerern verwendet wurde.
Im Baltikum lernt Tucholsky Mary Gerold aus Riga kennen. Er lockt sie Anfang Januar 1920 nach Berlin - und heiratet am 3. Mai jene Else Weil, mit der er seit der Landpartie im Sommer 1911 nach Rheinsberg liiert ist. Dies zeigt zweierlei in den Beziehungen zu Frauen: Tucholsky kann nicht allein sein, und er kann sich nicht entscheiden. Er ist Zeit Lebens hin- und hergerissen zwischen der Bürgerlichkeit einer Mary Gerold und der eher frivolen Art einer Else Weil oder gar der späteren Lisa Matthias.
Else Weil ist jene Claire Pimbusch in Tucholskys erfolgreichem Erstlingswerk «Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte». Der junge Tucholsky trifft einen heiteren, leicht frivolen, wenn auch nicht durchweg unbekümmerten Ton. Denn in dieser Zeit überschatten schon Anzeichen eines Krieges in Europa die sommerliche Landpartie in das Städtchen knapp 90 Kilometer nördlich von Berlin.
Wenn «Rheinsberg» 1912 der Auftakt zu Tucholskys schriftstellerischem Schaffen war, bildet «Schloss Gripsholm» quasi dessen Abschluss. Hier schreibt der erfahrene Tucholsky, der «ein Gran Böses ..., ein Löffelchen Ironie, nichts Schmachtendes, sehr viel Wille, sehr viel Erfahrung und sehr viel Unschuld» in das Stück von 1931 streut. Auch dieser Sommer in Schweden war nicht gänzlich ungetrübt. «Wenn man umzieht, ziehen die Sorgen nach», sagt Tucholsky.
Nach Berlin und Paris war er in der schwedischen Einöde gelandet, die mit zunehmender Macht der Nazis zu seinem Exil wurde. Tucholsky starb am 21. Dezember 1935 in einem Göteborger Krankenhaus, depressiv und körperlich angeschlagen. Bis heute ist nicht klar, ob der Tod ein Versehen war mit zu viel Alkohol und Tabletten - oder Selbstmord.
Rolf Hosfeld hat - 100 Jahre nach Erscheinen von «Rheinsberg» - Lebensdaten Tucholskys akribisch zusammengetragen und eingeordnet. Er kann - angesichts der bisher erstaunlich wenigen Biografien über einen der profiliertesten Autoren der Weimarer Republik - mit seinem lesenswerten Werk eine Lücke schließen.
Rolf Hosfeld: Tucholsky. Ein deutsches Leben, Siedler Verlag, München, 320 Seiten, 21,99 Euro, ISBN 978-3-88680-974-5



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