Rezensionen
10.04.2012

Minimalismus: Helle und Teller fassen sich kurz

Von Thomas Borchert, dpa

Die dänische Schriftstellerin Helle Helle (bürgerlich: Helle Olsen) drückt sich gern in kurzen Sätzen aus. Foto: Jens Kalaene

München/Zürich (dpa) - Janne Teller (47) hat mit ihrem Jugendroman «Nichts» vor zwei Jahren in Deutschland einen Überraschungserfolg gelandet. Dabei war die Originalversion in Dänemark zehn Jahre fast unbeachtet geblieben. W

ie in «Nichts» geht es auch in ihrem neuen Buch «Komm» wieder um grundlegende Sinnfragen, gestellt diesmal über die Person eines Buchverlegers: Soll er den kassenträchtigen Roman eines jungen Erfolgsautors veröffentlichen, in dem eine Frau «ihre» Geschichte mit Mord an einem Mitarbeiter und selbst erlittener Vergewaltigung als UN-Mitarbeiterin in Afrika wiederzuerkennen glaubt und missbraucht sieht?

Was darf Kunst, welche Regeln gelten hier? Es trifft sich, dass der Verleger am Abend der Entscheidung auch einen Vortrag zur Frage «Ethik in der Verlags- und Literaturbranche» ausarbeiten muss. Fragezeichen über Fragezeichen hinter gewichtigen Fragen («Was heißt es überhaupt, ein Mensch zu sein?») füllen die Seiten dieses schmalen Bändchens. Es liest sich eher wie ein Essay mit offenbar autobiografischem Hintergrund (Teller war mal UN-Mitarbeiterin in Mosambik).

Der Verleger reflektiert kühl auch über sein eigenes Leben als notorisch untreuer, opportunistischer Ehemann einer schönen Erfolgspolitikerin und friert mächtig, während vor dem Verlegerbüro Schneeflocken tanzen und die Klägerin mit der vielleicht «gestohlenen» eigenen Geschichte auch noch Vinter heißt.

Helle Helle (bürgerlicher Name Helle Olsen) findet die Hauptfiguren für ihre fesselnden Geschichten mit einfachsten Stilmitteln nicht in Chefetagen und Kultursalons. Susanne, Putz- und Küchenfrau in einem dänischen Provinzkrankenhaus, dämmert in «Vorstellung von einem unkomplizierten Leben mit einem Mann», dass sich die Hoffnung auf ein erfülltes Leben mit Mann und Kinder wohl nie erfüllen kann.

Ins Grübeln bringt sie die schwangere Chaos-Kollegin Ester, die sich aus Wut über ihren ausgerechnet jetzt untreuen Partner bei Susanne und deren Gefährten Kim einquartiert. Erst eine irritierende Nervensäge, die partout nicht wieder ausziehen will. Irgendwann dann ein Herz und eine Seele mit Kim. Die im Original schon 2002 erschienene Geschichte der 46-jährigen Dänin ist kleiner und erzählerisch bescheidener angelegt als ihr auch in Deutschland von der Kritik sehr freundlich aufgenommene Bestseller «Rødby-Puttgarden».

Aber auch hier macht die besondere Fähigkeit von «2x Helle» zum raffinierten Erzählen mit scheinbar einfachsten Mitteln die Lektüre zum gewinnreichen Vergnügen auf hohem literarischem Niveau. Der Zürcher Dörlemann-Verlag bereitet die Veröffentlichung des jüngsten Helle-Romans in deutscher Übersetzung unter dem Titel «Im Präsens zu schreiben» vor.

Janne Teller: Komm, Hanser Verlag, München, 160 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-446-23756-8

Helle Helle: Die Vorstellung von einem unkomplizierten Leben mit einem Mann, Dörlemann Verlag, Zürich, 224 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-908-77775-5



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