Thema des Tages
06.06.2019

Zwischen Lüge und Wahrheit: Wie viele Menschen tötete Högel?

Von Helmut Reuter und Janet Binder, dpa

Oldenburg (dpa) - Zahlen, immer wieder diese Zahlen. «Sterbefall 1», «Sterbefall 2» und weiter bis zum «Sterbefall 100». Eine Liste des Grauens. Hinter jeder Zahl ein Toter, ein Opfer, ein Einzelschicksal. Wie viele Menschen der Ex-Krankenpfleger Niels Högel ermordete, weiß nur er.

Und die makabre Wahrheit: Nicht mal er scheint es genau zu wissen. «Keine Erinnerung, kein Ausschluss», war 52 Mal seine Aussage. Vielleicht hat er diese Menschen getötet, vielleicht auch nicht. Der Prozess gegen den Serienmörder Högel ist mit dem erwarteten Urteil «lebenslange Freiheitsstrafe» zu Ende gegangen. Es bleiben viele offene Fragen und auch die Furcht, dass die Liste länger ist.

In 85 Fällen sah die Kammer des Oldenburger Landgerichts die Morde als erwiesen an. In 15 Fällen kam das Gericht nicht zu einer «hinreichenden Gewissheit» und entschied auf Freispruch. Diese Fälle wurden alle nach dem Grundsatz «In dubio pro reo» (Im Zweifel für den Angeklagten) gefällt, wie Richter Sebastian Bührmann sagte. Vor allem für die Angehörigen ist das schwierig. «Wir entlassen Sie in Ungewissheiten, die für Sie so quälend sein müssen. Wir müssen Ihre Hoffnungen in diesem Moment enttäuschen», sagte Bührmann.

Frank Brinkers ist einer von den Angehörigen, die in diese Ungewissheit entlassen wurden. Er verlor seinen Vater. «Das ist sehr, sehr bitter», sagte Brinkers, der nach dem Urteil um Fassung ringen musste. «Ich bin durch die Hölle gegangen, und es ist schwer erträglich.» Er habe sich gewünscht, dass auch der Fall seines Vaters klar und unumstößlich sei. «Es hat anscheinend nicht sein sollen.»

Um das Strafmaß ging es in dem Prozess vor dem Landgericht Oldenburg nicht in erster Linie. Aufklärung und die Suche nach Wahrheit - mit diesem Anspruch eröffnete die Kammer am 30. Oktober 2018 die Hauptverhandlung. «Wir werden uns bemühen und mit allen Kräften nach der Wahrheit suchen», versprach Bührmann damals. Der Anspruch konnte nicht ganz erfüllt werden.

Manchmal habe der Strafprozess eher den Charakter einer Wahrheitskommission gehabt, schrieb die «New York Times» in einer Reportage im vorigen Monat, und ergänzte, dass Högel so viele offene Fragen hinterlasse wie Opfer. Der heute 42-jährige Deutsche tötete von 2000 bis 2005 immer weiter. Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Zuerst suchte er sich die Opfer sorgfältig aus. Später tötete er wahllos. Immer wieder mahnte die Kammer, man dürfe trotz der hohen Opferzahl nie pauschal werden. Immer gehe es um Einzelschicksale.

Högel bekam von seinen früheren Kollegen viele Namen. Einige nannten ihn «Sensen-Högel», «Todes-Högel» oder «Rettungs-Rambo». Als «seelisch verwahrlost» beschrieb ihn ein Gutachter. Warum der Pfleger aber tötete, konnte letztlich auch der Prozess nicht eindeutig klären. Geltungssucht, Selbstüberhöhung, Narzissmus - all dies wurde Högel zugeschrieben.

Seinen Patienten injizierte er Medikamente. Der Zustand der Kranken verschlechterte sich daraufhin binnen Sekunden lebensbedrohlich. Der Alarm schrillte. Högel war meist als Erster im Krankenzimmer und begann mit der Reanimation. Darin war er gut. Und er wollte glänzen vor seinen Kollegen und Lob erfahren. Dass die Menschen starben, nahm er in Kauf.

Es ging ihm um ein Wohlgefühl, eine Hochstimmung, Spannungsaufbau und Spannungsabbau. Unmittelbar nach der glücklichen Geburt seiner Tochter, tötete Högel durch die Manipulation der Medikamentengabe einen Menschen. «Sie wollten damit das Wohlgefühl erhalten, in dem sie einen anderen Menschen in den Tod geschickt haben», resümierte Richter Bührmann. Dieser Fall gewährt einen kleinen Blick in die damalige Gemüts- und Gefühlswelt des Serienmörders, der nach dem Willen der Angehörigen nie mehr aus dem Gefängnis kommen soll.



Thema des Tages

Populisten-Allianz am Ende: Italiens Premier Conte tritt ab

Rom (dpa) - Die Populisten-Allianz aus rechter Lega und Fünf-Sterne-Bewegung in Italien ist nach knapp 15 Monaten am Ende. Der parteilose Regierungschef Giuseppe Conte reichte am Dienstag nach einer turbulenten Sitzung des Senats seinen Rücktritt bei Staatsoberhaupt Sergio Mattarella ein. »weiter
Lesen Sie auch:
  • Migranten von «Open Arms» sollen doch nach Italien
  • Das Ende eines explosiven Experiments
  • Johnson beißt mit Änderungswünschen in Brüssel auf Granit
  • Computer

    Gamescom öffnet fürs Publikum ihre Türen

    Köln (dpa) - Die weltgrößte Computerspielmesse, die Gamescom, öffnet ihre Türen für das breite Publikum. Bis zum Samstagabend werden mehrere Hunderttausend Besucher erwartet, im vergangenen Jahr waren es insgesamt 370.000. »weiter
    Lesen Sie auch:
  • Medien: Apple steckte Milliarden Dollar in Streaming-Inhalte
  • Neue App lässt Berliner Mauer in Augmented Reality erleben
  • Huawei bekommt weitere drei Monate Aufschub bei US-Blockade


  • Wissenschaft

    Fördert Luftverschmutzung psychische Erkrankungen?

    Chicago/Marburg (dpa) Luftverschmutzung beeinflusst möglicherweise die Häufigkeit psychischer Erkrankungen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie mit Gesundheits- und Umweltdaten aus den USA und Dänemark. »weiter
    Lesen Sie auch:
  • Drogen statt Nektar: Biene Maja als Polizeischnüffler?
  • Fluginsekten liegen bei Zählaktion vorn
  • Amselsterben vermutlich noch schlimmer als 2018
  • Börse
    DAX
    Chart
    DAX 11.632,00 -0,16%
    TecDAX 2.726,50 -0,22%
    EUR/USD 1,1094 -0,05%

    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation