Thema des Tages
16.05.2012

Porträt: Hochbegabter Musterschüler vor dem Aus

Von Basil Wegener, dpa

Verlierer: Der nordrhein-westfälische Spitzenkandidat der CDU, Norbert Röttgen, am Wahlabend. Foto: Marius Becker

Berlin (dpa) - Am Ende war Norbert Röttgen stumm. Kühl verkündete die Kanzlerin seinen Rauswurf. «Muttis Klügster» wurde zum Ungeliebten, zum kompletten Verlierer. Sein Widerstand - zwecklos.

Lange galt der Intellektuelle in der Führungsriege der CDU als Mann der Zukunft, als Kopf für die Öffnung der Partei hin zu neuen Wählern und neuen Themen. Seit seinem persönlichen Super-GAU am nordrhein-westfälischen Wahlsonntag ist Röttgen ein Mann der zerstörten Hoffnungen. In den Tagen danach war der 46-Jährige die personifizierte Demut - doch es half nichts.

Sein Rauswurf, den Kanzlerin Angela Merkel in allergrößter Nüchternheit bekanntgab, macht Röttgen zum großen Verlierer, zum Gefallenen. Angeblich wehrte sich Röttgen am Mittwoch gegen ein Ausscheiden - es hat ihm nichts genutzt.

Schon wenige Minuten nach Schließung der Wahllokale gelang Röttgen, was er viele lange Wahltage zuvor vergeblich versucht hatte - eine klare Sprache. «Die Niederlage der CDU und von mir ist eindeutig, sie ist umfassend, sie ist klar», sagte der katastrophal gescheiterte Kandidat. Er sollte es so oder ähnlich öfter wiederholen. Doch es war zu spät - wie vor allem die anhaltenden Attacken von CSU-Chef Horst Seehofer zeigten.

Besonders bitter für Röttgen muss es sein, dass Merkel Röttgens Rauswurf ebenso mit der Wichtigkeit der Energiewende begründete, wie sie zunächst seinen Verbleib im Ministeramt damit erklärte. Hatte sich Röttgen doch das Image des Vorkämpfers im Kabinett für den Atomausstieg und ambitionierten Klimaschutz erworben.

2010 musste der Bundesumweltminister noch den beschlossenen Ausstieg vom Ausstieg als Ausdruck moderner Energiepolitik verkaufen. Er litt - das sah man ihm an. Nach der Katastrophe von Fukushima verkündete Merkel am 14. März 2011 die Aussetzung der Laufzeitverlängerung. Röttgen sah seine Stunde gekommen. Damals traf er in eher technischem Tonfall einen Nerv: «Die Erfahrung von Japan bedeutet, dass die Verlängerung der Laufzeiten eine Verlängerung von Restrisiko ist. Und Restrisiko ist seit Japan nicht mehr nur eine statistische Größe, sondern eine schreckliche Lebenserfahrung.»

Das Dozierende in vielen seinen Äußerungen brachte Röttgen über die Jahre auch Feinde und Neider ein. Als er 2010 den NRW-Landesvorsitz erkämpfte, meinten viele, für Röttgen gehe es nur um eine Etappe auf dem Weg ins Kanzleramt. Doch als er dann durch die vorgezogene Neuwahl in den Wahlkampf schlitterte, ohne auf seinen Posten im Ministerium am Potsdamer Platz in Berlin zu verzichten, wirkte er oft linkisch, nicht recht bei der Sache. Und wie in einem Strudel wurde es immer schlimmer - etwa als er sich im Fernsehen auf den letzten Metern den Ausrutscher erlaubte, leider entschieden ja nun die Wähler eine Wahl - und nicht die Partei.

Mit seinem Nachfolger Peter Altmaier hat Röttgen einiges gemeinsam. Beide neigen zum facettenreichen Denken jenseits ideologischer Mauern. Beide gehörten der so genannten Pizza-Connection an, die die Gräben von CDU und Grünen zuschütten wollen. Und bereits nach der Bundestagswahl 2009 folgte Altmaier auf Röttgens Stuhl - als Parlamentarischer Geschäftsführer.

Röttgen machte immer den Eindruck, mehr zu wollen - stolperte aber schon bisher manchmal über seinen Ehrgeiz: 2006 wollte er Hauptgeschäftsführer für den Bundesverband der Deutschen Industrie werden und gleichzeitig sein Bundestagsmandat behalten. Seine Frau Ebba hatte ihn vergeblich vor dem Irrweg gewarnt.

Politik, so einer seiner Leitsprüche, müsse «aus den Augen unserer Kinder» gestaltet werden. Umso mehr Hohn zog er auf sich, als die Kluft zwischen Bewahrung der Schöpfung und Bewahrung des persönlichen Ansehens in einem Landtagswahlkampf immer größer wurde. Gegen Kritik am vermeintlichen Karrieristen sagte Röttgen: «Ich habe immer mit Leidenschaft Politik gemacht.» Am Ende überwogen negative Gefühle.



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