Herrenberg
07.02.2017

Am Anfang war große Euphorie und Energie

Herrenberg: Die Lebenshilfe feiert ihr 50-jähriges Bestehen - Verein wirbt um ehrenamtlich Engagierte

ZoomImpressionen aus 50 Jahren Lebenshilfe Herrenberg GB-Fotos: gb

Die Lebenshilfe in Herrenberg kann auf ein erfolgreiches halbes Jahrhundert des Bestehens zurückblicken - und feiert dies übers Jahr verteilt mit mehreren Veranstaltungen. Doch dieses freudige Ereignis bleibt nicht ohne Eintrübung: Der Verein hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Mitglieder verloren und sucht nun Menschen, die sich engagieren oder unterstützend tätig sind.

Holger Weyhmüller

Der Anfang war voller Emotionalität, voller Energie, aber auch nicht frei von Spannung und Streit: Dr. Erika Jacker erinnert sich noch sehr bewusst an die Jahre unmittelbar nach der Gründung des Herrenberger Lebenshilfe-Ortsvereins. "Das hatte ich davor noch nie erlebt: So viele engagierte Leute, so hochmotiviert!", blickt die einstige Leiterin des Gesundheitsamts, die sich über Jahre hinweg für den Verein engagierte, zurück auf die Anfänge.

Diese Anfänge liegen in den 60er Jahren: 1966, im Jahr der Eröffnung der Friedrich-Fröbel-Schule, besuchte Tom Mutters, legendärer niederländischer Gründer der Lebenshilfe, auch Herrenberg auf seiner Tour durch die Republik, wie sich Vorstandsmitglied Peter Eßlinger im Rahmen eines Pressegesprächs erinnert. Die Saat, die der Reisende in Sachen Lebenshilfe im Gäu damals ausbrachte, begann bereits im darauffolgenden Jahr zu sprießen: Der Herrenberger Ortsverband wurde am 25. Januar 1967 von 30 Personen gegründet. "Alles, was in Herrenberg Rang und Namen hatte, war Dank Oberbürgermeister Heinz Schroth dabei: Ärzte, alle Schulleiter, Vertreter der Kirchen, des Gesundheitsamts ", erläutert Günter Ansel, der stellvertretende Vorsitzende des Vereins.

Als Ur-Herrenbergerin seien ihr all diese Persönlichkeiten schon in ihren Kindheitstagen bekanntgewesen, betont Eva Schäfer-Weber. "Und als dann bei mir selbst eine Betroffenheit da war, war klar, dass ich mich in der Lebenshilfe engagiere." - "Das war alles wie ein Auf- und Umbruch. Von OB Schroth wurde alles, was in dieser Richtung als Initiative vorhanden war, unterstützt", weiß Erika Jacker. Ins Leben gerufen wurde der Ortsverband von Betroffenen "als Selbsthilfegruppe", so Ansel. Die Einrichtung verhalf Eltern behinderter Kinder zu etwas mehr Raum für ihre eigenen individuellen Bedürfnisse.

1972 dann ging nach Anstoß vonseiten der Lebenshilfe die Werkstatt für Behinderte in Betrieb, die kurz darauf aber in die Hände der Gemeinnützigen Werkstätten und Wohnstätten (GWW) übergeben wurde. Zu Beginn allerdings sei es für so manche Eltern kein Leichtes gewesen, ihren Nachwuchs dorthin zu schicken, blickt Peter Eßlinger zurück; die dunklen Schatten der NS-Vergangenheit fielen noch bis tief in die 80er Jahre: "Die Angst saß tief, dass die Kinder - wie bei den Nationalsozialisten geschehen - wieder irgendwann abgeholt und vergast werden könnten."

Die Gründung des Wohnheims - das heute wie auch die Werkstatt im Verantwortungsbereich der GWW liegt, bei der die Lebenshilfe Gesellschafter ist - folgte im Jahr 1980. Eßlinger: "So hat sich das weiterentwickelt bis zu der ganzen Vielfalt, die heute existiert." Allerdings sei die Anfangseuphorie der Lebenshilfe-Mitglieder von einst inzwischen verflogen: "Wenn sich etwas etabliert hat, dann nutzt man es einfach", zeigt das Vorstandsmitglied den Wandel in der Wahrnehmung und Nutzung auf. Manuela Sebastian, eine von drei hauptamtlichen Mitarbeitern beim familienentlastenden Dienst (FED), ergänzt: "Die Lebenshilfe wird heute eher als Dienstleister gesehen." Auf diese "neue Realität" müsse man sich, findet Erika Jacker, "sachlich und kreativ einstellen". Man könne es den betroffenen Eltern schließlich nicht verdenken, "wenn ihnen ein schwerer Rucksack abgenommen wird - und sie sich nicht einen neuen suchen". Andererseits sei etwas nur dann tragfähig, "wenn verlässliche Menschen mitmachen".

Solche sucht die Lebenshilfe, die sich mittlerweile auf den Freizeitbereich konzentriert, ständig. "Wir hatten", teilt Kassierer Ingo Dautzenberg mit, "zu Spitzenzeiten über 600 Mitglieder." Aktuell seien es 452. Zwar sei man damit im landesweiten Vergleich der Ortsvereine nach wie vor weit vorne. Gleichwohl reichten die Mitgliedsbeiträge und die generierten Spenden längst nicht mehr aus, um die Arbeit zu finanzieren. Vielmehr sei man auf Zuschüsse von anderen Stellen - etwa Landratsamt oder Krankenkassen - angewiesen. Trotz der Mitgliederrückgänge betont Manuela Sebastian, seien die Teilnehmerzahlen indes gestiegen.

Um die Ideale der Integration und Inklusion im Alltag mit Leben zu füllen und den Verein und dessen Arbeit im Bewusstsein der Leute zu verankern, werden immer wieder die Öffentlichkeit und Kooperationen gesucht: "Wir müssen", gibt Eßlinger als Handlungsmaxime aus, "auf die Gesellschaft zugehen, wir müssen aktiv sein - das muss der Schwerpunkt unserer Arbeit sein." Deshalb sei es wichtig gewesen, mit dem im Jahr 2013 bezogenen Haus in der Marienstraße 9 keinen Standort auf der grünen Wiese zu wählen, sondern einen mittendrin.

Bei seiner Arbeit könne der Verein darauf bauen, dass seine Belange auch bei der Stadtverwaltung auf fruchtbaren Boden fallen. Beispielsweise sei man vor dem Bau des neuen Freibads im Längenholz in dessen Planungen - Stichwort Barrierefreiheit - eingebunden gewesen, bemerkt Eßlinger. Aber auch darüber hinaus sei man in Herrenberg gut vernetzt.

Das zeigen im Jubiläumsjahr auch all die Veranstaltungen, deren Reigen mit dem Benefizkonzert des Stadtorchesters am 12. Februar, seinen Anfang nimmt. Weiter gehts mit der Beteiligung an der Lichterkette zum Luther-Jahr (12. März), dem Frühschoppen mit der Stadtkapelle im Klosterhof (6. Mai), dem Sommerfest des Freizeitclubs im Haus der Begegnung (21. Mai), der Beteiligung am 100-Kilometer-Altstadtlauf (24. Juni) und am Musikschultag (16. Juli), dem gemeinsamen Theaterprojekt mit der Herrenberger Bühne im September und der üblichen Präsentation auf der Herbstschau Mitte Oktober. Ehe dann der abschließende Festhöhepunkt ansteht: das Lebenshilfe-Fest in der Stadthalle am 4. November.

Den - musikalischen - Auftakt der Feierlichkeiten zu 50 Jahre Lebenshilfe Herrenberg macht das Orchester der Stadt Herrenberg unter seiner neuen Leiterin Sabine Blasberg am Sonntag, 12. Februar, ab 17 Uhr mit seinem Benefizkonzert in der Stadthalle.

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