Die Nachricht von Lieferengpässen bei der dunkelbraunen, klebrigen Würzpaste führte zu Hamsterkäufen und verzweifelten Appellen von Müttern, die ihre Marmite-abhängigen Kinder versorgen müssen. Was war passiert? Und was ist eigentlich Marmite?Wer das nicht wisse, sei kein richtiger Neuseeländer - behauptet zumindest die Firma Sanitarium Health Food, die Neuseelands Marmite seit drei Generationen produziert. Tausende Kilogramm der leicht fleischig riechenden, salzigen Paste aus Hefeextrakten werden dort im Jahr hergestellt. «Wenn Du ein Kiwi bist, dann hast Du Marmite im Blut», heißt es auf der Internetseite von Sanitarium. «Und falls Du Dich für einen Kiwi hältst und kein Sanitarium-Marmite isst, dann schäm Dich.»
Die Fabrik der Firma in Christchurch wurde im vergangenen Jahr bei einem Erdbeben beschädigt und stoppte im November die Produktion. Sie könne erst im Juli wieder angefahren werden, teilte Sanitarium mit. Vor einigen Tagen erklärte Geschäftsführer Pierre van Heerden, man habe die letzten Marmite-Gläser ausgeliefert. Er bat die Kunden, mit ihren Vorräten sparsam umzugehen und die Regale nicht vorzeitig mit Panikkäufen zu leeren. Die Ankündigung hatte - wohl wenig überraschend - den umgekehrten Effekt: Die Neuseeländer stürmten die Läden. Große Mengen des gehamsterten Marmite landeten zu stark überhöhten Preisen auf Auktionsseiten im Internet.
Ein bizarrer Marketing-Gag? Nein, beteuert van Heerden: «Es ist ein wirkliches Problem, vor dem wir stehen». Die Marmite-Krise zieht weite Kreise und beschäftigt sogar die Regierung. Premierminister John Key beging das Sakrileg, zuzugeben, dass er auch das australische Gegenstück zu Marmite verwende. Genauso verpönt ist in Großbritannien hergestelltes Marmite.
Die Würzpaste geht auf den deutschen Chemiker Justus von Liebig zurück, der im 19. Jahrhundert entdeckte, dass sich Hefe als Nahrungsmittel eignet. Die vitaminreiche Paste wird seit 1902 in Großbritannien verkauft. Einige Jahre später wurde auch in Neuseeland Marmite produziert. «Marmite ist zweifelsfrei Teil der Kultur der Kiwis», schrieb ein neuseeländischer Restaurantjournalist kürzlich. «Generationen sind aufgewachsen mit Marmite auf Toast mit Käse und Kräckern oder zwischen zwei Brotscheiben mit Blattsalat und ein paar Kartoffelchips.»
Nicht alle Neuseeländer teilen die Marmite-Manie. So mancher kann das Zeug nicht ausstehen - es sehe aus wie Wagenschmiere und schmecke vermutlich auch so, heißt es dann. Der britische Marmite-Hersteller hat sogar eine Internetseite für Marmite-Hasser. Dort heißt es: «Marmite essen? Da schon lieber lebenden Hühnern die Flügel ausreißen. Oder sich in der Öffentlichkeit nackt ausziehen. Oder Rattenschwänze und Schneckenhäuser essen.» Bei Marmelade gibt es in Neuseeland keinen Lieferengpass.