Die Fotografin inszeniert sich in ihren Bildern mit fast brutalem Mut zur Hässlichkeit. Das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) widmet der 58 Jahre alten New Yorkerin nun eine Retrospektive. Bis zum 11. Juni sind mehr als 170 Fotografien von ihren Karriere-Anfängen in den 1970er Jahren bis heute zu sehen.Es gibt kaum einen weiblichen Charakter, in den Sherman noch nicht schlüpfte, kein Klischee, das sie sich nicht überzog. Im sechsten Stock des MoMA schaut sie unter anderem als Filmstar, Milchmädchen, Hausfrau, Kurtisane, Frisörin oder auch als Clown von den oft großflächigen Bildern. Sie spielt aggressiv mit den Rollen, betont verfurchte Gesichter mit vulgärem Make-Up, schafft durch Prothesen hängende Brüste oder krumme Nasen und verstärkt verzweifelte Hilferufe aus leeren Augen. Das Lachen über einen verschmierten Lippenstift bleibt dem Betrachter dabei oft im Hals stecken.
Sherman zählt zu den wichtigsten Vertreterinnen inszenierter Fotografie, ihre Bilder verkaufen sich teuer: Eine Aufnahme als Teenager aus der Centerfolds-Serie (1981) wurde 2011 für 3,9 Millionen Dollar versteigert und war kurz das teuerste Foto der Welt. Und trotz der omnipräsenten Selbstinszenierung, trotz des Erfolges, bleibt Sherman selbst ein Fragezeichen. Wer die Frau ist, die sich immer wieder neu erfindet und alleine, ohne Assistenten, arbeitet, wird auch im MoMa nicht aufgedeckt. In einem Interview mit der «New York Times» bekräftigte sie, mit ihren Kunstpersönlichkeiten nichts gemein zu haben: «Keine dieser Figuren bin ich. Sie sind alles andere als ich. Wenn mir etwas zu ähnlich wird, dann wird es abgelehnt».
Mit ihren gefeierten «Untitled Film Stills» (1977-80) sorgte sie vor 30 Jahren zum ersten Mal für Aufsehen. Inspiriert vom Film-Noir und dem Hollywood der 50er und 60er Jahre verwandelte Sherman sich für die Kamera in stereotype Frauenrollen jener Zeit: Das verschreckte Heimchen am Herd, die voluminöse Sexbombe, die wartende Geliebte im abgewrackten Motel-Zimmer.
Diese schwarz-weißen Anfänge von Sherman sind verglichen mit den späteren Werken schlicht, beinahe verspielt. Mit jedem Schritt durch die Ausstellung nehmen Tragik und Verzweiflung zu. Geradezu schmerzhaft unglücklich wirken die Porträts ihrer Serie aus dem Jahr 2000, auf denen alternde Möchtegern-Stars die Wunden gescheiterter Ambitionen im Gesicht tragen. Peinlich lange, grelle Fingernägel sind so unecht wie die zu dunkle Bräune, deren Ränder auf der Haut sichtbar ist.
Die Retrospektive, zusammengestellt von MoMA-Kuratorin Eva Respini, deckt Shermans Eintauchen in Bereiche wie Kino, Fiktion, Karneval, Märchen, Mode, Gender-Rollen, Geschichte oder Klassenkampf ab. Auch vor Horror, Groteskem und Ekeligem macht sie nicht Halt. Ende der 1980er Jahre nahm sich Sherman eine Weile aus ihren Bildern heraus. Stattdessen schockierte sie mit grotesk arrangierten Prothesen, Erbrochenem und Exkrementen, die sich zu einer widerlichen Landschaft verschieben. Diese Sherman-leeren Bilder bekräftigen vor allem: Am tiefsten trifft die Künstlerin, wenn sie chamäleonhaft in eine Rolle schlüpft.
Die Zeit hat nicht nur auf Shermans Gesicht Veränderungen bewirkt, sondern auch in ihrer Arbeitsweise. In den 70er Jahren werkelte sie vor allem an sich selbst wie an einer Leinwand, kolorierte Schwarzweiß-Bilder von Hand nach oder malte Haare hinzu. Heute, schreibt Sherman im Katalog zur Ausstellung, nutze sie die Möglichkeiten der Technik: «Ich begann die Gesichter digital zu verändern. Es ist so, als ob man Fotoshop anstatt Make-up verwendet.»
Durch die Computer-Bearbeitung haben Shermans aktuelle großflächige Bilder zum Schluss der Retrospektive noch mehr Sprengkraft. Perlenbehangene High-Society-Matronen schwelgen hier auf den ersten Blick im Luxus. Die Eitelkeit der Porträtierten wird durch Zeichen misslungener Schönheitsbehandlungen entlarvt: Zu weit auseinander stehende Augen, aufgeplusterte Wangen, faltige Hälse. Für Sherman typisch wirken die Frauen gefangen in ihren Posen und Roben - und sind auf eine seelenlose Weise hässlich.