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«Das schweigende Kind» ist ein Anti-Familienroman

Von Andreas Heimann, dpa

München (dpa) - Raoul Schrotts neuer Roman «Das schweigende Kind» erzählt die Geschichte eines totalen Scheiterns. Über ihr liegt eine beklemmende Stimmung, weil der Leser sofort ahnt, sie geht nicht gut aus, hier gibt es nicht den Hauch einer Chance für ein Happy End.

Raoul Schrott Der Ich-Erzähler berichtet seiner Tochter von seiner schwierigen, aussichtslosen Beziehung zu ihrer ums Leben gekommenen Mutter. Es ist der hilflose Versuch zu erklären, was nicht zu erklären ist, einem Kind beizubringen, warum es keine Familie hatte: «Du kennst meine Geschichte nicht, du weißt nur um ihr Ende. Deshalb muss ich dir alles andere erzählen: den Anfang und das, was zwischen uns liegt.»

Der Roman beginnt damit, wie der Vater der Tochter deren eigene Geburt beschreibt, die Mutter an Maschinen und Schläuche angeschlossen, die Gesichter der Ärzte von Schutzmasken verhüllt. Raoul Schrott erzählt in deutlicher Sprache: «Eine Steißgeburt warst du, dein Körper voll weißem Schmer, dein Haar kohlig schwarz dagegen. Blut troff von deinem Gesicht.» Und schon in diesem für Eltern so wichtigen Augenblick stößt die Mutter den Vater zurück.

Er leidet unter der Angst, die Familie nicht ernähren zu können. Sein Leben als Künstler endet, bevor es richtig begonnen hat. Die Beziehung zerbricht, als das Kind noch kein Jahr alt ist. Die Mutter wirft den Vater raus. Der Streit ums Sorgerecht eskaliert. Seine Tochter darf er nur sporadisch sehen, fühlt sich hilflos und als Versager in jeder Hinsicht. Als Maler hat er nie wieder Erfolg, die Auftragsarbeiten, mit denen er sich über Wasser hält, wirken manchmal geradezu grotesk.

Raoul Schrott hat einen Anti-Familienroman geschrieben, den Blick stets auf die dunklen Seiten in den Beziehungen zwischen Mann und Frau gerichtet, auf Gewalt, Hass, Sprachlosigkeit. Das Schlusskapitel überrascht noch einmal. Der Bericht des Vaters entpuppt sich als Teil der Aufzeichnungen, die der Tochter laut seiner testamentarischen Verfügung ausgehändigt werden sollen. Er selbst ist an Lymphdrüsenkrebs gestorben - in der Psychiatrie. Trostloser hätte der Roman kaum enden können, Raoul Schrott geht unversöhnlich mit seinen Figuren um. Ihr Scheitern ist umfassend. «Das schweigende Kind» ist kein schönes Buch, aber die Tristesse, mit der die Geschichte erzählt wird, hat ihren Reiz.

Raoul Schrott: Das schweigende Kind, Carl Hanser Verlag, München, 198 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 978-3-446-23864-0


 
       
     
     
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